"Wir kämpfen und graben"
Entwicklung durch Coaching im Netzwerk

In der zweiten Transferphase des Projekts Schule interaktiv der Deutsche Telekom Stiftung coachten Gymnasien, Gesamtschule und Mittelschule Grundschulen und betraten damit Neuland. Zum hessischen Netzwerk gehört die Wöhlerschule als Pilotschule und seit dem Winter 2010 die Grundschule Buchhügel in Offenbach als Partnerschule. Gisela Twele von der Wöhlerschule und Ariane Seikel und Till Scholz von der Grundschule Buchhügel in Offenbach berichten von Ihren Erfahrungen.

Frau Twele, Sie haben sich zum ersten Mal mit Grundschulen vernetzt, um sich über einen besseren Übergang im Bereich Medienkompetenz zu verständigen.
Welche anfänglichen Hürden mussten Sie überwinden?

Gisela TweleGisela Twele: Das Wichtigste ist, zuerst die Vertrauensbasis zu entwickeln. Das Allerwichtigste bei diesem Peer-Coaching ist, zu erreichen, dass man voneinander so viel hält,  dass man sagen kann: Ja, der hat mir etwas zu sagen, mit dem spreche ich dieselbe Sprache. Wir finden uns zusammen, und dann finden wir Lösungen. Und diese Basis erst einmal herzustellen, kostet ein bisschen Zeit. Und deshalb ist dieses Projekt nicht bei ein oder zwei Fortbildungen möglich,  sondern das muss kontinuierlich ein oder zwei Jahre laufen, damit man erst einmal die Basis hat. Dann kann man anfangen zu arbeiten.
 

Herr Scholz und  Frau Seikel, wie haben Sie die anfänglichen Hürden an der Grundschule empfunden? 

Till Scholz: Als wir angesprochen wurden, waren wir gleich Feuer und Flamme und wussten, die Projektteilnahme wird auf jeden Fall für unsere Schule eine Bereicherung sein. Wir wussten nicht sofort, wie die Konzeption aussieht.  Aber wir waren nach den ersten Treffen mit unseren Coaches von der Albert Schweitzer Schule Offenbach begeistert. Das Zwischenmenschliche stimmte, und wir haben von den beiden Coaches Ines Hauf und Michael Tretter stark profitiert.

Ariane SeikelAriane Seikel: Es tauchten schon Fragen auf. Z.B.: Werden die Lehrer des Gymnasiums unsere Belange verstehen oder wird das auf einem zu hohen Niveau laufen und mit unseren Problemen nicht korrespondieren.  Es hat sich ganz toll eingespielt, und diese regelmäßigen Treffen, die auch dokumentiert werden, sind sehr wichtig. Es muss einen regelmäßigen Austausch geben, damit man voneinander lernen kann.
 

Es ist nach wie vor Neuland in Deutschland, dass unterschiedliche Schultypen  miteinander sprechen, um den Übergang von der Grundschule zum Gymnasium oder anderen Schulformen zu besprechen und zu verbessern.

Ariane Seikel: Ich habe es als unproblematisch empfunden, weil  uns sofort vermittelt wurde, dass  sie unsere Ideen toll finden. Die Coaches  haben aus Grundschulperspektive mitgedacht und überlegt,  wie man Unterrichtsideen auf unsere Schulform herunter brechen kann.  Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass wir von unterschiedlichen Sachen reden. Trotzdem war es natürlich so, dass  es manche Sachen gab, die wir so als Grundschule nicht umsetzen können, beispielsweise  die Einrichtung einer Moodleplattform zu Unterrichtszwecken. Wichtig war für uns, dass wir an der Albert Schweitzer Schule die ersten Termine hatten, um die dortigen Räumlichkeiten kennen zu lernen und die Ausstattung zu besichtigen. Uns wurden frühere Projekte vorgestellt. Das war für uns eine gute Anleitung.

Gisela Twele: Es hat sich herausgestellt, dass diejenigen, die jetzt coachen, eben auch in dem Projekt schon einmal genau dasselbe erfahren haben, und genau diese Erfahrung weiter tragen können. Außerdem haben wir uns regelmäßig getroffen und uns ausgetauscht und besprochen, was wir machen wollen und wie wir vorgehen. Und das war ein maßgeblicher Punkt, zu sehen, dass wir als Coach agieren. Ein Coach sagt nicht, wo es lang geht, sondern er nimmt das auf, was da ist und versucht nur durch seine Nachfragen  etwas anzuregen und zu sagen. Der Coach darf nichts aufzwingen oder oktroyieren.
 

Gab es gleich die Konzentration auf den nahtlosen Übergang im Bereich Medienkompetenz oder mussten Sie erst andere Themen vorschalten?

Till ScholzTill Scholz: Wir haben erst einmal  so eine Art Lernausgangslage mit unseren Coaches besprochen. Es gab am Anfang viele formelle Dinge zu klären,  bis das Projekt offiziell anlaufen konnte, z.B. die Ressourcen- und Zielbestimmung. Wir haben sehr konkret angefangen, über Projektideen nachzudenken. Da haben wir offen gelegt, welche Ressourcen wir haben, welche Möglichkeiten sich mit dem ersten Budget, das wir von Schule interaktiv bekommen haben, ergeben. Da haben wir gleich einen Zusammenhang hergestellt. Was könnten wir auf der Hardwareseite gebrauchen, damit wir Projektideen auch verwirklichen können, die nicht nur einmalig stattfinden, sondern sich nachhaltig in die Schule und in die Abläufe einfügen.
 

Haben Sie von Projektideen erfahren, die Sie für die Grundschule "umformen" konnten oder geht das gar nicht?

Ariane Seikel: Doch. Unsere Coachschule hat von einem Markt der Möglichkeiten erzählt, bei dem es darum ging, einfach dem gesamten Kollegium nochmals die Technikausstattung an der Schule  nahe zu bringen. Damit sollte der Anstoß gegeben werden, dass auch andere Leute, außer denen, die sowieso schon regelmäßig im Unterricht mit Medien arbeiten, dazukommen. Es ging darum, ihnen die Hemmungen zu nehmen und ganz praktisch zu zeigen, wie beispielsweise ein Beamer funktioniert, wie  da alles zusammenspielt und wie etwas gespeichert wird. Mit der Fertigstellung unseres Neubaus  wollen wir diese Idee umsetzen. Es müssen mehr Kollegen und Kolleginnen davon profitieren als nur diejenigen, die in der Steuergruppe sitzen.

Till Scholz: Das ist als schulinterne Fortbildung geplant. Das Kollegium soll ganz  praktisch an diesen technischen Geräten arbeiten und damit Berührungsängste abbauen. Es sollen langfristig alle Kolleginnen und Kollegen die Medien in ihrem Unterricht nutzen.
 

Frau Twele, können Sie als Vertreterin der Pilotschule nochmals herausstellen, inwiefern Sie dem "Juniorpartner" Grundschule  helfen konnten?

Gisela Twele: Für uns war das Ziel ganz klar, wo wir  hin möchten. Für uns war klar, was wir von Grundschülern erwarten, die auf das Gymnasium gehen möchten. Sie sollen u.a. selbständig arbeiten und sich gut organisieren können, neugierig und natürlich wissbegierig sein. Eigentlich mag ich die Haltung, Grundschulen als "Zulieferer" zu sehen, nicht im Zusammenspiel von Grundschule und weiterführender Schule. Wir möchten dieses und jenes. Jetzt bringt uns das mal. Doch ohne so ein Ziel vor Augen zu haben, ist man trotz allem irgendwie blockiert.  D.h., dadurch dass wir wussten, wie wir in den weiterführenden Schulen mit neuen Medien arbeiten,  dadurch konnten wir das auch so öffnen und sagen, wo wir uns eine Entlastung durch die Grundschule vorstellen können oder gar wünschen. Umgekehrt haben wir gefragt, wo bringt es euch an der Grundschule etwas, wenn wir mit diesen oder jenen Medien arbeiten.

Till Scholz: Wir haben ja gerade über unsere Projektideen gesprochen, die sich entwickelt haben.  Da haben wir den Markt der Möglichkeiten für die Ebene der Lehrkräfte erwähnt, nämlich dass sie dort eigentlich geschult werden. Mit der zweiten Idee PC-Unterricht als Regelunterricht  in unsere Stundentafel zu implementieren, können wir Kindern eine gewisse Medienkompetenz vermitteln, eben auch als Grundlage für den Übergang in die weiterführende Schule.  Damit gäbe es eine Grundkompetenz. Schön wäre es, wenn wir das nicht nur als einzige  Grundschule in Offenbach durchführen würden, sondern flächendeckend alle Schulen in Offenbach.  Dann wüssten die weiterführenden Schulen, womit sie rechnen können.


Die finanzielle Förderung durch die Stiftung endet 2012. Endet damit das Projekt auch für Sie?

Gisela Twele: Wir sagen nicht, dass das Projekt endet. Wir sagen, die Unterstützung durch die Telekom-Stiftung endet - leider. Das Projekt wird bleiben. Wir haben ja auch schon die entsprechenden Gespräche im Kultusministerium geführt.  Wir wollen erreichen, dass Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, also Manpower egal in welcher Form. Das kostet Geld, damit müssten wir trotz allem immer noch unterstützt werden. Dann würden wir jetzt zum Beispiel bei der Grundschule Buchhügel nachfragen, ob es jemanden gibt, der die Nachbargrundschule oder eine andere Schule in Offenbach zwei Jahre lang begleiten möchte. Dafür müsste es ein oder zwei Lehrerstunden geben, je nachdem, was das Ministerium zur Verfügung stellen kann.  Es läuft weiter, so wie sich die Organisatoren das gewünscht haben. Nur geht es nicht so schnell weiter, wie wir uns das anfangs gedacht haben. Ein schnelleres Schneeballsystem würde unglaublich viele Ressourcen kosten. Wir, die Pilotschule, kämpfen und graben, damit  die Fortsetzung  gelingt.
 

Herr Scholz, Frau Seikel, werden Sie denn als Grundschule das Netzwerk als coachende Schule erweitern?

Till Scholz: In erster Linie geht es für uns darum, dass wir unsere Projektideen verwirklichen und langfristig implementieren. Somit ist eigentlich auch nach den zwei Jahren unser Projekt nicht abgeschlossen. Im Bereich Implementierung von Medien im Unterricht geht es auf jeden Fall weiter. Wir hatten uns Gedanken darüber gemacht, welche Grundschule in unserer Nähe vielleicht  von unserem Input profitieren könnte.  Wenn es darum geht, einer Schule anzubieten, bei Ihnen als Coach tätig zu sein, dann ist das bestimmt machbar. Natürlich ist es für die Schule, die in Frage kommt, um einiges schwieriger, wenn dafür die finanziellen Ressourcen, eben die entsprechenden Kapazitäten,  nicht zur Verfügung stehen. Das ist ganz klar. Neben Manpower wird eben auch Geld gebraucht.

Ariane Seikel: Dennoch denke ich, dass in diesen zwei Tagen in Bonn der Gedanke und die Bedeutung des Netzwerkens noch einmal stark herausgestellt worden ist. Unabhängig von der finanziellen Unterstützung ist  klar, dass es darum geht, aktiver zu werden. Wir hatten jetzt das Glück, bei dem Projekt Schule interaktiv zwei Jahre mitmachen zu dürfen und da etwas anzustoßen. Wir hoffen, dass wir die Erkenntnisse an andere Grundschulen weitergeben können.

Das Interview führte Ines Gollnick